Bankomaten und Aktienhandel
Neuer Wechselkurs sorgt für Chaos
publiziert: Freitag, 16. Jan 2015 / 20:39 Uhr

Bern/Zürich/Basel - 1 Euro kostet nur noch rund 1 Franken. Die schockartige Abschaffung des Mindestkurses durch die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat am Freitag zu teils chaotischen Zuständen geführt.

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Die Börse setzte ihre Talfahrt fort, die UBS senkte die Wachstumsprognose, Touristiker zeigten sich besorgt.

Ein Tag nach dem überraschenden Aus des Euro-Mindestkurses war die Schweizer Börse weiter auf Talfahrt. Der Swiss Market Index (SMI) schloss knapp 6 Prozent im Minus. Dies, nachdem der Leitindex am Donnerstag den grössten Tagesverlust in seiner Geschichte verzeichnet hatte. Der Euro wurde am Freitagabend zu 0,98 Rappen gehandelt und damit leicht unter der Parität.

Experten erwarten, dass der Abwärtstrend der Aktienkurse anhält. Wegen der Aufwertung des Frankens dürften sich die Aussichten für die Schweizer Wirtschaft merklich eintrüben.

Grosse Verluste in kurzer Zeit

Gemäss Schätzungen des Beratungsunternehmens Towers Watson sind am Donnerstag 30 Mrd. Fr. an Pensionskassenvermögen vernichtet worden. Im Schnitt büssten die Schweizer Pensionskassen rund 4 Prozent ihres Vermögens ein. Auch der durchschnittliche Deckungsgrad der Pensionskassen dürfte auf einen Schlag um rund 4 Prozent zurückgegangen sein.

Der SNB-Entscheid traf Währungshändler ins Mark. Der Schweizer Online-Finanzdienstleister Swissquote stellte 25 Mio. Fr. zurück für allfällige Verluste seiner Kunden, welche diese nicht zurückzahlen können.

Konjunkturausblick weniger rosig

Die UBS erwartet, dass die Schweizer Wirtschaft nach dem Ende des Euro-Mindestkurses deutlich langsamer wachsen wird. Die Ökonomen der Grossbank kappten die Wachstumsprognose für 2015 von 1,8 auf 0,5 Prozent. Auch andere Prognostiker wie die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF), das Wirtschaftsforschungsinstitut Bakbasel oder die Zürcher Kantonalbank (ZKB) rechnen mit Wachstumseinbussen.

Unter der Annahme, dass der Euro-Franken-Wechselkurs ungefähr auf dem aktuellen Niveau bleibe, schätzen die Analysten den direkten, negativen Effekt auf die Schweizer Warenexporte in die Eurozone im laufenden Jahr auf knapp 5 Mrd. Franken.

Mehr Arbeitslose - weniger Touristen?

Die Arbeitslosigkeit dürfte im laufenden Jahr von derzeit 3,2 Prozent auf 3,6 Prozent steigen, meinten die UBS-Ökonomen. Diese Sorge teilen auch die Gewerkschafter. Es bestehe aber auch die Gefahr, dass die Löhne unter Druck kämen, sagte Pierluigi Fedele, Leiter des Sektors Industrie bei der Unia, auf Anfrage der sda. Die Unternehmen könnten insbesondere versuchen, die Löhne von Grenzgängern zu senken.

Diesen Schritt fasst beispielsweise die Industriegruppe Dixi in Le Locle NE ins Auge: Sie erwägt, die Löhne der Grenzgänger um 10 bis 15 Prozent zu senken, wie Direktor Pierre Castella dem Westschweizer Fernsehen RTS sagte.

Auch die Tourismusbranche ist besorgt: «Wenn der Euro-Franken-Kurs bei eins zu eins bleibt, wird es schlimm», sagte Marcel Friberg, Präsident der kantonalen Marketingorganisation Graubünden Ferien. Um über konkrete Auswirkungen zu reden, sei es aber noch zu früh. Dafür müssten noch ein paar Tage abgewartet werden.

Run auf Bankomaten

Warten mussten am Freitag einige Kunden, die Euro-Noten beziehen wollten. Wegen der sprunghaften Nachfrage kam es bei Filialen der ZKB und von Banken in den Grenzregionen zu Engpässen. Teilweise wurde die Ausgabe rationiert.

Unterdessen rüsteten sich die SBB und grenznahe Verkehrsbetriebe für den erwarteten Ansturm von Einkaufstouristen am Samstag. Der Fahrplan wurde teils verdichtet, Extrawagen wurden angekündigt. An den Billettautomaten von öffentlichen Verkehrsbetrieben lohnte sich am Freitag aufgrund verschieden programmierter Wechselkurse ein Preisvergleich.

Es gibt auch Gewinner

Auch auf dem Immobilienmarkt wird der SNB-Entscheid zu spüren sein, wie Studien des Immobilienspezialisten Wüest & Partner und der UBS zeigen. Die Preise für Eigenheime und auch für Geschäftshäuser könnten unter Druck geraten - mit positiven Auswirkungen für Mieter: Der Anstieg der Mieten für ausgeschriebene Wohnungen dürfte gedämpft werden. In Randregionen könnten die Angebotsmieten sogar sinken.

Die schlagartige Aufwertung des Frankens kennt auch weitere Gewinner. Unternehmen, die stark auf den Binnenmarkt ausgerichtet sind und ihre Ware aus dem Ausland beziehen, profitieren nun. Dazu gehören etwa Reiseanbieter oder Autoimporteure.

Von der Aufhebung des Euro-Mindestkurses sollen auch die Konsumenten etwas haben. Das Konsumentenforum kf fordert, dass Währungsgewinne spätestens in ein bis zwei Monaten an die Konsumenten weitergegeben werden - falls der Wechselkurs sich nicht ändert.

(bert/sda)

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