A.T. Kearneys Foreign Direct Investment (FDI) Confidence Index 2005
Schweiz nicht unter Top 25
publiziert: Mittwoch, 10. Mai 2006 / 07:01 Uhr

Kapitalrückstellungen, Bilanzverbesserungen, Rezessionsbefürchtungen und wachsender Druck der Aktionäre lassen nur trübe Aussichten zur Erholung der ausländischen Direktinvestitionen (FDI) zu. Dem gegenüber steht jedoch für Unternehmen die Notwendigkeit, durch Auslandsinvestitionen organisch zu wachsen.

Gründe für das Abseitsstehen der Schweiz: Kleiner Wirtschaftsraum, hohes Preisniveau, Fokussierung der Volkswirtschaft auf den Dienstleistungssektor.
Gründe für das Abseitsstehen der Schweiz: Kleiner Wirtschaftsraum, hohes Preisniveau, Fokussierung der Volkswirtschaft auf den Dienstleistungssektor.
Ihre Attraktivität als FDI-Zielländer haben China, Indien und Osteuropa weiter gesteigert. Sie werden in Zukunft sogar die traditionellen Forschungs- und Entwicklungsstandorte in den westlichen Industrieländern infrage stellen. Dies geht aus dem Foreign Direct Investment (FDI) Confidence Index von A.T. Kearney hervor. Der FDI Confidence Index basiert auf einer Befragung von Verwaltungsräten und Top-Managern der 1000 weltweit grössten Unternehmen. Die Schweiz ist im Interesse ausländischer Investoren nicht unter den 25 begehrtesten Ländern.

Schwindender Optimismus

Seit dem letzten Jahr schwindet der Optimismus unter den befragten Top-Managern in Bezug auf die globale Wirtschaft. Nach der neuen Erhebung schätzt dieses Jahr nur etwa ein Drittel der Befragten (36 Prozent) die globale Wirtschaftslage optimistischer ein als im Vorjahr (70 Prozent). Im gleichen Zeitraum stieg die Anzahl der Manager, welche die globale Entwicklung pessimistischer sieht, von zwölf auf 31 Prozent.

Signifikante Kapitalreserven gebildet

Seit dem 11. September 2001 berichten mehr als die Hälfte (65 Prozent) der globalen Investoren, signifikante Kapitalreserven gebildet zu haben. Allein US-amerikanische Unternehmen haben Kapitalrücklagen in Höhe von über einer Billion US-Dollar aufgebaut, und den Prognosen der Investoren zufolge muss mit einer weiteren Kapitalansammlung gerechnet werden. Als wichtigste Gründe nennen die befragten Top-Manager unter anderem das Erfordernis der Bilanzverbesserung, anhaltende Befürchtungen vor einer weiteren Rezession sowie wachsender Druck der Aktionäre.

54 Prozent planen Investitionserhöhungen

Das zwingend notwendige organische Wachstum drängt jedoch die Unternehmen dazu, wieder verstärkt im Ausland zu investieren. Der Studie zufolge planen in diesem Jahr rund 54 Prozent der Befragten ihre Auslandinvestitionen zu erhöhen, der höchste Anteil seit 2000. Letztes Jahr stiegen die globalen FDI-Ströme um zwei Prozent auf 648 Milliarden US-Dollar, die erste positive Bewegung des FDI seit 2000. Mit der Wiederbelebung der grenzüberschreitenden M&A-Aktivitäten und der Verschärfung des Wettbewerbs kollidiert der Expansionsdruck mit der Rückstellung von Kapital.

Widersprüchliche Zwänge

«Die Top-Manager globaler Unternehmen sehen sich mit einer Reihe widersprüchlicher Zwänge konfrontiert, die die Aussichten auf eine Erholung der FDI trüben könnten», sagt Paul Laudicina, Managing Director des A.T. Kearney Global Business Policy Council, das diese Studie durchführte. «Wir gehen jedoch davon aus, dass sich die Notwendigkeit, organisch zu wachsen und die Wiederbelebung der grenzüberschreitenden M&A-Aktivitäten gegen die Interessen der Investoren, finanzielle Polster in einer risikoreichen Welt vorzuhalten, durchsetzen werden. Diese Befürchtungen wirken sich zwar negativ auf die Direktinvestitionen aus, doch Unternehmen, die es nicht schaffen, sich mit strategischen Investitionen global zu positionieren, werden dem Wettbewerbsdruck langfristig nicht standhalten können.»

China und Indien in der Gunst ganz vorn

Zum vierten Mal in Folge führt China die Rangliste der weltweit begehrtesten FDI-Zielländer an, Indien schiebt sich in diesem Jahr zum ersten Mal auf den zweiten Platz vor und verdrängt die Vereinigten Staaten auf den dritten Rang. Grossbritannien kann in diesem Jahr seinen vierten Platz behaupten. Die Begeisterung der Investoren für China und Indien liegt auf einem Allzeithoch. China konnte die höchste jemals erzielte Punktzahl auf dem Index auf sich vereinen, Indien erreichte eine Punktzahl, die in den letzten Jahren nur von China und den USA übertroffen wurde.

China führt zwar seit 2002 das Ranking an, aber auch das Interesse der Investoren am Standort Indien wächst. Obwohl sich das Land als Drehscheibe für das Outsourcing von Geschäftsprozessen und Informationstechnologie erfolgreich positionieren konnte, werden diese Funktionen häufig durch Vereinbarungen über Fremddienstleistungen und nicht über FDI im Land abgewickelt. Im letzten Jahr flossen etwa 5,3 Milliarden US-Dollar ausländischer Investitionen nach Indien, gegenüber 60,6 Milliarden US-Dollar in China. Indien, das erst 1991 investitionsfördernde Reformen durchführte, muss hinsichtlich FDI noch kritische Masse aufbauen, während Chinas Regierung, die ausländischen Investitionen gegenüber positiv eingestellt ist, seit 1979 an der Macht ist. Dadurch wurde Chinas Fertigungsbasis in grossen Teilen von ausländischen multinationalen Unternehmen aufgebaut.

China und Indien auch Quellen für Innovation

Gemeinsam mit den osteuropäischen Staaten, die durchwegs Boden gutmachen konnten, werden China und Indien verstärkt als Quellen für Innovation und attraktive F&E-Standorte angesehen. Mit zunehmender Mobilität der bisher noch am wenigsten globalisierten Konzernfunktion F&E werden Nordamerika und Westeuropa von den allmählich reifenden «Wissenszentren» in den Wachstumsmärkten China, Indien und Osteuropa herausgefordert. «Indien steht hinsichtlich neuer FDI-Ströme am Wendepunkt, muss sich aber die Interessen der Investoren an der Fertigung zunutze machen und sich als für Investitionen offene und kapitalintensive Drehscheibe positionieren. Die indische Regierung muss zudem ihre Reformorientierung beibehalten und begrenzte Geschäftsinteressen bewältigen, indem Infrastruktur, Logistik und behördliche Hindernisse des Landes kontinuierlich angegangen werden», sagt Paul Laudicina. In der Attraktivität als zukünftiger Investitionsstandort fiel die USA zum ersten Mal vom zweiten auf den dritten Rang zurück, weil in erster Linie Boden in den Bereichen Fertigung und Finanzdienstleistungen verloren wurde.

Öffnen der «Kriegskassen»

Vor allem die «Kriegskassen» der US-amerikanischen Unternehmen sind mit über einer Billion US-Dollar gut gefüllt. Den globalen Investoren zufolge war das Bedürfnis nach Verbesserung der Konzernbilanzen der wichtigste Grund für die Kapitalansammlung in dieser Zeit, gefolgt von dem Aufbau eines finanziellen Polsters, der von 38 Prozent der globalen Investoren genannt wurde. Etwa gleich viele führten die eingeschränkten Investitionschancen an. Über ein Drittel nannte den Druck der Aktionäre - beispielsweise für Dividenden und Aktienrückkauf - als primären Grund für ihre zurückhaltende Investitionspolitik. Etwa 30 Prozent sahen erhöhte Investitionsrisiken.

Schwieriges Abwägen der Strategien

Steigende Gewinne und Konzernrestrukturierungen haben für verstärkte grenzüberschreitende M&A-Aktivitäten - eine wesentliche Komponente der FDI - gesorgt, deren Wert sich im letzten Jahr um 28 Prozent auf 381 Milliarden US-Dollar verbesserte. Doch mit zu grossen Cash-Positionen riskieren Unternehmen den Verlust ihrer Marktposition oder müssen schlimmstenfalls eine feindliche Übernahme in einem Expansionsklima befürchten. Annähernd die Hälfte aller Investoren berichtete, dass sie ihre «Kriegskassen» für sich zukünftig bietende Chancen weiter füllen würden. Dies könnte zu einer Welle von Investitionen im Ausland führen, sollten diese freigesetzt werden. Die Anzahl der Investoren, die Investitionen in einem grösseren Rahmen plant, stieg im Jahr 2005 moderat von 52 auf 54 Prozent an. «Das Erfordernis, Kapitalreserven aufzubauen und zu erweitern, um magere Jahre überbrücken zu können und weiterhin das Vertrauen der Aktionäre zu geniessen, muss sorgfältig gegenüber potenziellen höheren Renditen aus Investitionen in fremden Märkten abgewogen werden», sagt Laudicina.

Globalisierung von Forschung und Entwicklung

Fast die Hälfte aller globalen Investoren plant eine Steigerung ihrer Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E), nur drei Prozent werden sie in den nächsten drei Jahren weiter reduzieren. Annähernd drei Viertel der zusätzlichen F&E-Ausgaben werden in den Wachstumsmärkten Asiens und Osteuropas investiert. Jeweils einer von fünf globalen Investoren wird seine F&E-Aufwendungen in Nordamerika und Westeuropa aufstocken beziehungsweise reduzieren.

Es wird erwartet, dass Unternehmen ihre Aufwendungen für F&E zunehmend in das kostengünstigere Ausland verlagern. Bestätigt wird dies durch globale Investoren in Nordamerika und Westeuropa, die die F&E-Ausgaben in ihren Heimatmärkten drastisch reduzieren werden. Niedrigere F&E-Kosten, Verfügbarkeit und Qualität der lokalen F&E-Ressourcen sowie Schutz des geistigen Eigentums sind die wichtigsten Faktoren für mehr als die Hälfte der globalen Investoren, wenn sie über Investitionen in eine globale F&E nachdenken. Die Qualität der Universitäten und Forschungszentren sowie die IT-Infrastruktur sind weitere wichtiger Gründe für Investitionsentscheidungen in die F&E und werden von jeweils 46 beziehungsweise 42 Prozent der Investoren genannt. Die USA, Grossbritannien, Japan und Deutschland folgen China und Indien im Ranking der am meisten bevorzugten zukünftigen F&E-Investitionsstandorte.

Westeuropa mit trüben FDI-Aussichten

Seit 1999 sind selten so wenige Länder Westeuropas unter den ersten zehn attraktivsten FDI-Zielländern vertreten gewesen. Zwischen 2000 und 2004 konnten sich immerhin noch drei bis fünf Länder platzieren, in diesem Jahr blieben nur Grossbritannien und Deutschland übrig. Während Grossbritannien seinen vierten Platz halten konnte, fiel Deutschland vom fünften auf den neunten Rang zurück - die schlechteste Platzierung seit 1999. Frankreich rutschte vom sechsten auf den 14., Italien vom neunten auf den 19. und Spanien schliesslich von Rang 13 auf Rang 17 ab. Eine schwindende Attraktivität der westeuropäischen Märkte wurde von den meisten Investoren im Bereich Fertigung angeführt. «Dies und viele weitere Anzeichen unterstreichen den grundlegenden Rückgang der Wettbewerbsfähigkeit Westeuropas», sagt Manfred Tuerks, Managing Director, A.T. Kearney (International) AG, Zürich.

Rückgang von 40 Prozent in der EU 15

2004 mussten die EU-15-Länder einen 40-prozentigen Rückgang ausländischer Direktinvestitionen hinnehmen - insgesamt nur 196 Milliarden US-Dollar und damit die niedrigsten Investitionen in sechs Jahren. Schleppendes Wachstum, Desinvestitionen und substanzielle Rückzahlungen konzerninterner Kredite durch ausländische Tochtergesellschaften an die Mutterunternehmen trugen wesentlich zu den Einbussen bei den FDI bei. Die Ablehnung der EU-Verfassung durch die Wähler in Frankreich und den Niederlanden, zwei EU-Gründungsstaaten, sowie die sich ändernde politische Szene in Deutschland - der nach wie vor grössten Wirtschaftsmacht in Europa - haben ebenfalls zu einem Stimmungswechsel bei den Investoren geführt.

Schweiz nicht unter den Top 25

Die Schweiz gehört für ausländische Investoren nicht zu den weltweit 25 begehrtesten Ländern. «Die Schweiz ist trotz ihrer internationalen Bedeutung und Ausstrahlung als Finanzplatz nicht unter den weltweit 25 begehrtesten Ländern für ausländische Direktinvestitionen. Gründe dafür sind der im Vergleich mit anderen Ländern kleinere Wirtschaftsraum, das hohe Preisniveau und die Fokussierung der Volkswirtschaft auf den Dienstleistungssektor», sagt Manfred Tuerks. «Zudem ist die Schweiz nicht Mitglied der EU und verfügt in einigen Wirtschaftszweigen über eine eigenständige Gesetzgebung, was den administrativen Aufwand für Direktinvestitionen erhöht.»

Osteuropa und Türkei im Aufwind

Demgegenüber verzeichnen die Staaten in Osteuropa verstärkt Investitionstätigkeiten ausländischer Firmen - mit Ausnahme von Polen (5. Platz) konnten Russland (6.), Ungarn (11.), Tschechien (12.), Türkei (13.) und Rumänien (25.) Boden gut machen. Auf Grund der niedrigeren Kosten sowie des Angebots an wissenschaftlichem und technischem Know-how wird Osteuropa auch als F&E-Standort positiv eingeschätzt. Annähernd ein Drittel aller globalen Investoren plant in den nächsten drei Jahren diesbezügliche Investitionen in Osteuropa.

Offshoring weiter auf dem Vormarsch

Die Intensität des Offshoring verstärkt sich weiter, da annähernd 80 Prozent der globalen Investoren planen, in den nächsten drei Jahren Konzernfunktionen ins Ausland zu verlagern. Im Vorjahr waren es 66 Prozent, im Jahr davor sogar nur 50 Prozent. Die Investoren werden das Offshoring-Potenzial noch aggressiver und entlang aller wesentlichen Funktionen wie zum Beispiel bei der Informationstechnologie, Call Center, Wissensmanagement, F&E und der Fertigung ausnutzen.

Auf Grund der Bedenken hinsichtlich geistigen Eigentums und Themen rund um die Qualitätskontrolle werden F&E, Wissensmanagement und analytische Funktionen primär durch Joint Ventures ausgelagert. Das trifft nach Aussage der Investoren für annähernd 70 Prozent des zukünftigen Offshoring der F&E-Aktivitäten zu. «Der Schutz geistigen Eigentums wird ganz erheblichen Einfluss darauf haben, ob es den Wachstumsländern gelingen wird, sich zu einem attraktiven F&E-Standort zu entwickeln», sagt Tuerks.

(pd)

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