Gewaltige Sprengkraft
Schottland und England - Gemeinsam stark oder alleine besser dran?
publiziert: Montag, 3. Mrz 2014 / 15:48 Uhr
José Manuel Barroso beteuerte, dass Schottland wie alle anderen Länder erst einmal den üblichen Aufnahmeprozess durchlaufen müsse.
José Manuel Barroso beteuerte, dass Schottland wie alle anderen Länder erst einmal den üblichen Aufnahmeprozess durchlaufen müsse.

Fast ein Jahrhundert nach dem Vereinigungsgesetz, das das Königreich Grossbritannien schuf, indem es die beiden separaten Königreiche England und Schottland verband, und etwa 50 Jahre, nachdem der Zweite Jakobitenaufstand brutal niedergeschlagen worden war, beklagte der schottische Dichter Robert Burns die wahren Gründe, die hinter dem Verlust der Unabhängigkeit seiner Nation steckten: Geld und dessen Fähigkeit, ein Votum zu beeinflussen.

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«Uns Englands Stahl nicht schrecken sollt'
Nicht er schlug uns in Bande.
Nein, uns besiegt hat Englands Gold, -
Seht, das thun ein paar Buben im Lande!»

(Übersetzung Philipp Kaufmann, Verlag der J.G. Cotta'schen Buchhandlung, 1839, Stuttgart und Tübingen; «Fahr wohl, o Schottlands Ruhm, so alt»)

Zwei Weltkriege und unzählige Umbrüche hat es seither gegeben und stets stand Schottland tapfer - wenngleich manchmal mit etwas Unbehagen - an der Seite des restlichen Königreichs. Doch eine Frage trieb die Schotten immer wieder um: Stünden sie mit einem eigenständigen Staat nicht besser da?

Und was wäre geschehen, hätte das eigene Parlament, das Burns in seinem Gedicht so böse beschimpft, der Zwangsvereinigung der beiden Feinde damals nicht zugestimmt?

Am 18. September, etwas mehr als 300 Jahre nach dieser schicksalhaften Verbindung, haben die Bürger Schottlands - nicht jene aus England, Wales oder Nordirland - endlich die Chance, diesen Schritt in einem noch nie da gewesenen Referendum rückgängig zu machen.

Und wieder einmal wird dabei das liebe Geld eine entscheidende Rolle spielen

Die Schotten stellen zwar gerade einmal ein Zehntel der Bevölkerung des Vereinigten Königreichs, doch mit einem Bruttoinlandsprodukt von etwa 250 Milliarden Dollar geht es Schottlands Bürgern im Vergleich zu ihren Nachbarn jenseits der Grenze recht gut. Schottland hat nicht nur ein eigenes Rechts- und Bildungswesen, sondern auch ein wesentlich grosszügigeres Gesundheitssystem als England.

Und während es in Edinburgh ein eigenes Parlament gibt, können die schottischen Abgeordneten ihre Heimat auch in Westminster vertreten, was Schottland im Endeffekt zwei Stimmen in einem Land beschert. Dennoch ist die regierende Schottische Nationalpartei (SNP) der Ansicht, dass Schottland eigenständig sein sollte und dass das Fundament der Nation nicht nur stark genug ist, einen unabhängigen Staat zu tragen, sondern auch in der Lage, eine neue florierende Wirtschaft in Nordeuropa zu etablieren - wie Burns es wohl schwärmerisch ausgedrückt hätte.

Wie soll das funktionieren?

Nach Einschätzung der SNP würde der Region durch die neu gewonnene Unabhängigkeit der nötige Spielraum verschafft, die Steuern zu senken; dafür könnte der Staat jenen, die bedürftig sind, aus der Armut helfen. Gleichzeitig würde durch die Abspaltung Schottlands der Anteil an der Schuldenlast des gesamten Königreichs reduziert und zugleich Manufaktur und Handwerk gestärkt werden - zwei Bereiche, die vor 30 Jahren durch Margaret Thatchers extrem umstrittene Politik ausgehöhlt wurden.

Darüber hinaus möchte Schottland im Gegensatz zu Grossbritannien, das gerne einmal einen anderen Weg geht als seine europäischen Nachbarn, einen eigenen Dialog mit der internationalen Gemeinschaft anstossen. Sollte die Unabhängigkeit gelingen, seien auch ein Beitritt bei den Vereinten Nationen und der NATO geplant. Sicherlich ein nobler Ansatz.

Wie bei Burns berühmten Gedichten fehlt es nicht an Idealismus. Die Umsetzung dürfte jedoch schwerer sein als angekündigt, denn viele Argumente der Befürworter eines unabhängigen Schottlands setzen voraus, dass der neu geschaffene Staat automatisch und unverzüglich Mitglied einiger wichtiger Institutionen wird - und zwar ohne das übliche Aufnahmeprozedere. Eine davon ist die respektable Bank of England, die andere die Europäische Union - und keine der beiden hat Schottland bislang einen Willkommensgruss geschickt. Der britische Schatzkanzler schloss vor Kurzem sogar die Aufnahme eines unabhängiges Schottlands in eine gemeinsame Währungsunion aus.

Das würde bedeuten, dass Schottland - sollte das Land das Pfund Sterling als Währung behalten wollen - keinerlei Einfluss auf die Zinssätze hätte und auch keine eigene Zentralbank, die im Notfall den im Vergleich zum kleinen Schottland überdimensionierten Finanz- und Bankensektor vor dem Untergang retten könnte. Und allen Schotten, die sich die Unabhängigkeit wünschen und bislang glaubten, die Einführung des Euro sei eine Lösung, hat der Präsident der Europäischen Kommission José Manuel Barroso nun die Suppe versalzen. Er beteuerte, dass Schottland wie alle anderen Länder erst einmal den üblichen Aufnahmeprozess durchlaufen müsse und dabei durch bereits existierende Mitgliedsstaaten an der Mitgliedschaft gehindert werden könne, die eventuell, so wie Spanien, Angst vor separatistischen Bewegungen im eigenen Land haben.

Liegt Barroso richtig oder falsch?

Ob Barroso damit richtig oder falsch liegt, wie einige ehemalige EU-Beamte glauben: Die Zukunft des unabhängigen schottischen Staates, sollten die Bürger für eine Abspaltung stimmen, ist so kompliziert, dass bereits einige grosse Unternehmen im Land damit begonnen haben, Notfallpläne auszuarbeiten. Die Versicherungsgruppe Standard Life, die mehr Mittel verwaltet als die der gesamten schottischen Wirtschaft zusammengenommen, ist das erste Unternehmen, das offen bekannt gab, den Norden verlassen und in den Süden gehen zu wollen, sollte Schottland die Unabhängigkeit erlangen. Dieser Schritt könnte 5.000 Arbeitsplätze kosten.

Burns hatte recht mit seiner Feststellung, dass Gold der Schlüssel für die Zukunft seines Landes sei. Heute muss auch «das schwarze Gold» in die Rechnung miteinbezogen werden.

Nachdem Schottlands Öl- und Gasgeschäfte jahrelang angeblich wenig effektiv von der Regierung Grossbritanniens geführt wurden, glauben die Vorkämpfer eines unabhängigen Schottlands, dass sie die Ressourcen besser verwalten können. Die entstehenden Steuereinkünfte will man in einen eigenen Topf stecken und mit diesen Geldern den Haushalt an den nötigen Stellen unterstützen.

Der britische Premierminister David Cameron zeigte sich in seiner Einschätzung dagegen unnachgiebig, dass die kapitalintensive Förderung von Rohstoffen aus der Nordsee am besten von ganz Grossbritannien geschultert werde. Um diesen Punkt zu untermauern, kündigte er finanzielle Hilfen in Millionenhöhe an und will so in den nächsten Jahren bis zu vier Milliarden Barrel zusätzlich fördern.

Doch lassen wir Schottlands schwarzes Gold für einen Moment ausser Acht und wenden uns einem anderen Thema zu: Für den Rest des Vereinigten Königreichs steht viel auf dem Spiel, sollte sich Schottland tatsächlich für einen Alleingang entscheiden. Wenngleich man bei dem Referendum lediglich mit «Ja» oder «Nein» stimmen kann, handelt es sich keinesfalls um ein Nullsummenspiel.

Die Auflösung des Vereinigten Königreichs hätte auf dem Tableau der Weltmächte für beide Seiten weitreichende Konsequenzen, nachdem die Europäische Union momentan mit den USA Verhandlungen über ein gemeinsames Freihandelsabkommen führt.

Ein starkes Vereinigtes Königreich

Und als ob Angela Merkel diesen Punkt nochmals besonders betonen wollte, sprach die Kanzlerin bei ihrem Staatsbesuch in London über die Rolle, die «ein starkes Vereinigtes Königreich» in Europa spielen sollte. Grosse Teile der schottischen Industrie zu verlieren, würde die stolz angekündigten Pläne Grossbritanniens, die Exportzahlen bis 2020 auf 1,6 Billionen Dollar zu verdoppeln, zunichtemachen. Zufälligerweise sind viele der Ausfuhren für Deutschland bestimmt. Zugleich würde es Unternehmen mit Niederlassungen auf beiden Seiten der Grenze in eine unsichere Lage manövrieren. Es stimmt, dass die Schotten, die sich für die Unabhängigkeit ihrer Nation aussprechen, nicht mit Garantie sagen können, wieso ihr Land alleine besser dastehen würde. Warum sollte man unter diesen Umständen weiterhin für Freiheit kämpfen?

Die schottischen Separationsbestrebungen haben ebenso viel mit dem Erhalt der Geschichte und Kultur Schottlands sowie der Wiederentdeckung alter Nationalhelden zu tun wie mit erfolgreicher eigenständiger Politik im Land.

Unabhängiges Schottland

Ein unabhängiges Schottland könnte darüber hinaus die gesamte Verteidigungsstrategie Grossbritanniens durcheinanderwirbeln, da im Norden der Insel momentan die wichtigsten Atom-U-Boote stationiert sind. Das Netz aus unterschiedlichen Interessen scheint bisweilen undurchdringbar und die komplexen Vorgänge, die das Referendum umgeben, so schwer fassbar, dass selbst die schottischen Politiker inzwischen davon erschöpft sind, immerzu in Hypothesen zu sprechen. Was sollen da erst die 16-jährigen sagen, denen man gerade rechtzeitig das Wahlrecht eingeräumt hat.

Die Wahrheit lautet, dass die Geschicke Schottlands und Englands inzwischen enger miteinander verwoben sind als das feinste Tartanmuster der einflussreichsten Clans des Nordens. Läuft es letztlich auf Schottland und seine Rolle innerhalb des Vereinigten Königreichs hinaus, so sind es die Handelsbeziehungen, die alle miteinander verbinden - auch wenn momentan Reden geschwungen werden, die eine gewaltige Sprengkraft haben.

Über Nina dos Santos:
Nina Dos Santos moderiert die tägliche Wirtschaftssendung World Business Today auf CNN International. Für den Nachrichtensender hat sie bereits aus Brüssel, Paris und Rom über die EU-Schuldenkrise berichtet und führende Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft interviewt, darunter IWF-Chefin Christine Lagarde, die Premierminister von Schweden, der Tschechischen Republik und Luxemburg sowie José Manuel Barroso, den Präsidenten der EU-Kommission.
 

(Nina dos Santos, CNN International/CNN-Today)

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