Meldesystem soll Medikamenten-Knappheit vorbeugen
Neue Vorschläge im Kampf gegen Medikamenten-Engpässe
publiziert: Donnerstag, 23. Aug 2012 / 16:32 Uhr
Die Idee ist, Industrie, Behörden und den Spitalapotheken mehr Zeit zu verschaffen, um auf den Engpass zu reagieren.
Die Idee ist, Industrie, Behörden und den Spitalapotheken mehr Zeit zu verschaffen, um auf den Engpass zu reagieren.

Bern - Meldungen über Engpässe bei Medikamenten sorgen regelmässig für Verunsicherung. Nun zeichnet sich eine mögliche Lösung ab: Pharmaunternehmen sollen verpflichtet werden, über drohende Engpässe zu informieren. Der Bund zeigt sich interessiert.

4 Meldungen im Zusammenhang
Das Meldesystem angeregt hat Enea Martinelli vom Verein Schweizerischer Amts- und Spitalapotheker an einer Fachtagung zur Medikamenteknappheit in Bern. Die Idee stammt aus den USA: Zeichnet sich bei bestimmten Medikamenten eine Verknappung an, müssen die Pharmaunternehmen dies bei einer neutralen Plattform melden.

Mehr Zeit

Die Idee ist, Industrie, Behörden und den Spitalapotheken mehr Zeit zu verschaffen, um auf den Engpass zu reagieren. «Man kann dann beispielsweise einen anderen Hersteller benachrichtigen, damit dieser die Produktion hochfährt», erklärte Martinelli am Donnerstag am Rand der Tagung gegenüber der Nachrichtenagentur sda.

Wenn es nur einen Hersteller gebe, könne das Heilmittelinstitut Swissmedic beispielsweise mit einer Lockerung der Importbedingungen reagieren. Und auch die Spitalapotheker brauchten einen gewissen Vorlauf, um bei Ausfällen Alternativen auszuarbeiten, sagte Martinelli.

Bei Bundesstellen wird seine Idee mit Interesse aufgenommen. «Wir haben den Vorschlag diskutiert und denken, dass es ein sinnvoller Schritt sein könnte», sagte Stefan Mühlebach, Chef des Bereichs Heilmittel der wirtschaftlichen Landesversorgung, am Rand der Tagung. In den USA habe ein solches Meldesystem zu einer erheblichen Reduktion der Engpässe geführt.

Noch sind nicht alle Fragen in dem Zusammenhang geklärt. Laut Mühlebach stellt vor allem der Schutz sensibler Daten für die Unternehmen ein Problem dar, etwa wenn sie Lieferschwierigkeiten bekannt geben müssen. «Es handelt sich oft um heikle Daten, die kein Unternehmen gerne preisgibt.»

Aufgabe für Gesetzgeber

Spitalapotheker Martinelli verweist auch dazu auf die Erfahrungen in den USA. Dort diene eine neutrale Agentur als Meldeplattform und leite die Informationen weiter. «Wenn Engpässe drohen, müssen gewisse Aspekte des Geschäftsgeheimnisses aufgehoben werden können», sagte er. Da sei der Gesetzgeber gefordert.

Im Bundesparlament ist das Thema Medikamenteknappheit allerdings noch nicht so richtig angekommen. Nationalrat Jean-François Steiert (SP/FR) erinnerte an der Tagung daran, dass bisher nur wenige Vorstösse zu dem Thema eingereicht und noch weniger beantwortet worden sind.

Dazu gehört eine Interpellation von Ständerätin Pascale Bruderer (SP/AG) zum Thema Off-Label-Use. Die Anwendung verfügbarer Medikamente ausserhalb der bewilligten Zulassung ist eine Möglichkeit, die bei Engpässen insbesondere in der Krebstherapie angewendet wird.

Ist dies nicht möglich, sind oft genug Improvisationstalent und Phantasie der Spitalapotheker gefordert, wie Martinelli, Chefapotheker der Spitäler Frutigen, Meiringen und Interlaken (fmi ag), erzählt. Der Aufwand dafür sei allerdings enorm. Auch Mühlebach weiss von schwierigen Engpässen für die Spitäler. «Aber wenn man das heraufspielt und Ängste schürt, kommt man zu keiner sinnvollen Lösung», sagte er.

Lager wenig sinnvoll

Laut Martinelli gibt es seit Jahrzehnten immer wieder Engpässe bei einzelnen Medikamenten. In den letzten Jahren seien es aber mehr geworden, zudem dauerten die Ausfälle immer länger. Grössere Lagerbestände hält er nicht in jedem Fall für die richtige Lösung, weil die Probleme stets wieder bei anderen Medikamentengruppe auftreten.

Als Gründe für die Engpässe werden sinkende Margen bei Generika, reduzierte Lager oder strengere Auflagen bei der Produktion genannt. Nach Informationen der sda mussten wegen knappen Medikamenten bereits Krebstherapien verschoben werden. In der Schweiz sind allerdings keine Todesfälle bekannt, die darauf zurückzuführen sind.

Nach Angaben des Bundesamts für Gesundheit arbeiten die Bundesbehörden an dem Problem, das auch andere Länder betrifft. Der Fokus liegt derzeit auf einem besseren Informationsaustausch zwischen Anbietern und Abnehmern. Andere Lösungsvorschläge reichen von internationalem Druck auf die Pharmaindustrie bis zu einem bundeseigenen Hersteller für gewisse Medikamente.

(asu/sda)

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