
Seine Interviews für den Bund porträtieren die Lebens- und Berufsgeschichten von Aussteigern, Aufsteigern und Quereinsteigern aller Berufs- und Sozialschichten. Jetzt zählt Mathias Morgenthaler selbst zu den Jungunternehmern und hat über das IFJ seine Firma «Wortwirkung» gegründet. Wir haben mit ihm über Veränderungen, Paradebeispiele und den einen oder anderen Kommunikationsfehler gesprochen.
Beruf und Berufung
Der Blog von Mathias Morgenthaler beim Bund
blog.derbund.ch
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ifj.ch/gruendungsservice
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Webseite von Mathias Morgenthaler
wortwirkung.ch
Mathias Morgenthaler: «Ich erzähle seit 15 Jahren Woche für Woche Berufs- und Lebensgeschichten auf einer halben Zeitungsseite. Die Interviews, welche die grösste Resonanz hatten, handeln allesamt von Menschen, die etwas gewagt haben. Diese unternehmerische Haltung muss mit der Zeit auf mich abgefärbt haben. So entstand der Wunsch, etwas Eigenes aufzubauen.»
«Was bietest du alles an?»
Mathias Morgenthaler: «Als Journalist habe ich gelernt, Sachverhalte auf den Punkt zu bringen, Geschichten so zu erzählen, dass sie grösstmögliche Wirkung erzielen. Woche für Woche erzählen mir Menschen aus ihrem Berufsleben, eine Stunde, oft zwei Stunden lang. Worum es auch immer geht, ich habe genau 60 Zeichen für einen Titel und 375 Zeichen für einen Vorspann, um die Leserschaft abzuholen. Und 6500 Zeichen für die ganze Geschichte. Diese Fähigkeit, mit wenigen Worten maximale Wirkung zu erzielen, will ich vermehrt auch ausserhalb der Zeitungsredaktion einsetzen - sofern mich das Projekt interessiert. Aktuell arbeite ich an zwei Buchprojekten und an einer Internetplattform.»
«Kannst du mit Wortwirkung.ch auch anderen Jungunternehmern helfen?»
Mathias Morgenthaler: «Für Jungunternehmer ist die Frage, wer sie sind und wen sie erreichen wollen, besonders wichtig. Sie brauchen Klarheit und Überzeugungskraft. Leider schenken viele der Kommunikation in der Startphase wenig Aufmerksamkeit - sie sind zu stark mit dem Tagesgeschäft ausgelastet. Das führt dazu, dass gute Produkte und Dienstleistungen nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die sie eigentlich verdienen.»
«In welchen Bereichen wäre es für Startups und KMUs wichtig, auf bessere Texte zu achten? Wo werden die meisten Fehler gemacht?»
Mathias Morgenthaler: «Wenn ich sehe, was einige Unternehmen für Medienmitteilungen verschicken, kann ich nur hoffen, dass sie in ihrem Kerngeschäft besser arbeiten als in der Kommunikation. Auch Homepages, Kundenzeitschriften und Firmenbroschüren sind oft schwer verständlich. Meistens geht es um zwei Grundübel: Erstens wird generell zu viel geschrieben. Und zweitens zu stark aus einer Insiderperspektive.»
«Dein vor zwei Jahren erschienenes Buch «Beruf und Berufung» gilt als perfektes Berufsberater-Buch, ohne eins zu sein. Hier hast Du zahlreiche deiner Interviews gesammelt, die Mut machen, neue Wege zu gehen und eigene Träume in die Tat umzusetzen. Was hast Du durch die vielen Interviews gelernt?»
Mathias Morgenthaler: «Ich habe gelernt, dass viel mehr möglich ist, als wir glauben, wenn wir unserer inneren Stimme folgen. Und dass es ein unbezahlbares Privileg ist, etwas zu tun, das einen wirklich interessiert. Man entwickelt eine ganz andere Kraft und hat eine andere Ausstrahlung, wenn man nahe bei seinen Talenten und Werten lebt. Ich bewundere viele meiner Interviewpartner für ihren Mut und ihre Beharrlichkeit. Sie haben Sicherheit und Luxus eingetauscht gegen ein ungewisses Abenteuer.»
«Du hast mir erzählt, dass dich viele Mails und Telefonate von Veränderungswilligen erreichen, die wissen möchten, wie sie Veränderungen anpacken. Hast du eine Universalantwort dafür?»
Mathias Morgenthaler: «Veränderungen brauchen viel Geduld und Zuversicht, man nimmt sich selber und seine Erfahrungen ja immer mit ins Neue. Wichtig ist, ein Sensorium dafür zu entwickeln, wie es aktuell um einen steht. Was tut mir gut? Was nicht? Wovon möchte ich mehr in meinem Leben? Von was möchte ich mich trennen? Wir belügen uns leicht in solchen Fragen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Vernunft hier ein schlechter Ratgeber sein kann. Wir müssen uns wieder erlauben, zu träumen, uns auszumalen, was alles möglich wäre. Oft ist es dann eine Portion Unvernunft, die hilft, das Glück zu finden. Generell gibt es zwei Auslöser für Veränderungen: Leidensdruck und Sehnsucht. Der Leidensdruck wirkt sehr akut, aber er wird als Motor immer schwächer, je weiter wir fortgeschritten sind in der Veränderung. Die Sehnsucht hingegen bekommt mit jedem Schritt neue Nahrung, sie wirkt wie ein Sog. Veränderungen laufen aber nie linear ab, es gibt Zweifel, Rückfälle, Umwege. Es ist hilfreich, sich in solchen Phasen auszutauschen - mit Freunden oder mit Fachleuten, die professionelle Begleitung anbieten. Ich arbeite derzeit an einer Internetplattform, die als Anlaufstelle gedacht ist für Menschen, die sich beruflich verändern und diesen Weg nicht alleine gehen wollen.»
«Auf Deinem Blog bei Bund und Tagesanzeiger finden sich wöchentlich neue interessante Interviews, die zum Teil viele Kommentare provozieren. Im vorletzten ging es um einen tanzenden Pfarrer, im letzten um einen Berufsberater, der auch als Winzer arbeitet. Wie findest Du diese Persönlichkeiten? Und welche Geschichten haben sich fest in Dein Gedächtnis gebrannt?»
Mathias Morgenthaler: «Ich bin neugierig und interessiere mich für Menschen, das hilft. Aber inzwischen ist es so, dass die Geschichten oft mich finden. Jemand erzählt mir von einem beeindruckenden Menschen, der gut in meine Rubrik passen würde, oder andere bewerben sich selber um ein Interview. Als ich vor 15 Jahren begann, dachte ich, nach sechs Wochen würden mir die Themen ausgehen. Nun sind 800 Interviews erschienen und die Themenliste ist immer noch lang. Beeindruckt haben mich viele meiner Gesprächspartner. Etwa der UBS-Filialleiter, der ohne Not seine Stelle kündigte und heute einen phantastischen Tee- und Gewürzladen betreibt. Oder die verrückte Geschichte von Bobby Dekeyser, der nach Abbruch seiner Fussballprofi-Karriere voller Enthusiasmus ins Unternehmertum startete und dann 10 Jahre Geduld brauchte, bis ihm der Durchbruch gelang. Oder auch Scherenschneider Ernst Oppliger, der seit Jahrzehnten Tag für Tag von 8 bis 23 Uhr im kleinen Stübli seines Elternhauses Kunstwerke schafft, die er selber nicht für solche hält. Er blieb immer am Ort seiner Kindheit, hat in seiner Kunst aber einen weiten Weg zurückgelegt.»
«Es gibt diese These, dass für den Beruf drei Sachen grundlegend sind - Sinn, Geld und Freude daran - aber es fast unmöglich ist, in allen drei Bereichen ein hohes Level zu erreichen. Oder anders gesagt: auf etwas muss man oft verzichten. Siehst du das genauso?»
Mathias Morgenthaler: «Nein, das glaube ich nicht. Sinn und Freude sind eng verwandt, und das Geld sehe ich nicht als Gegenspieler. Es ist aber so, dass Menschen, die einer sinnvollen, erfüllenden Tätigkeit nachgehen, ihren Erfolg weniger am Geld messen. Oder anders gesagt: Wer sich in seinem Job quält und verbiegt, will dafür wenigstens ein fürstliches Schmerzensgeld. Leider erliegen diese Leute oft der Illusion, dass sie sich mit dem vielen Geld irgendwann das Glück kaufen können. Sie tun etwas, um etwas zu bekommen, und hoffen, dank des Besitzes glücklicher zu sein. Gesünder ist es in meinen Augen, aus dem Sein das Tun abzuleiten und darauf zu vertrauen, dass sich das Haben einstellt.»
«Mathias, du warst für uns auch als Startimpuls-Redner schon aktiv mit dem Thema «Wie kommt man in die Medien». Hast du noch einen allgemeinen Tipp für alle Jungunternehmen?»
Mathias Morgenthaler: «Manche kommen in die Medien und sind nicht besonders glücklich darüber. Medien sind Verstärker, im Guten wie im Schlechten. Die erste Frage sollte deshalb immer sein, wann der richtige Zeitpunkt für einen Auftritt in den Medien ist. Hat man eine gute Geschichte zu erzählen, kommt es darauf an, die richtigen Ansprechpartner zu bestimmen und diese davon zu überzeugen, dass die Geschichte nicht nur für die Firma, sondern auch für das Zielpublikum des jeweiligen Mediums von Interesse ist. Man muss wissen, wie Journalisten ticken, um sie überzeugen zu können.»
«Welches Wort wirkt immer? Oder hast du vielleicht ein spezielles Lieblingswort, das du in dein Herz geschlossen hast?»
Mathias Morgenthaler: «Ich mag das Wort Resonanz. Die Vorstellung, dass etwas Anklang findet, jemand mitschwingt. Wortwirkung bedeutet für mich nicht schrille Werbung oder verbale Manipulation, sondern die Kunst, etwas so klar auszudrücken, dass es jene, die es etwas angeht, mitten ins Herz trifft.»
«Hast du auch noch ein paar Worte übrig für unseren Gründungs-Service? Warst du zufrieden?»
Mathias Morgenthaler: «Ich hatte relativ grossen Respekt vor der Firmengründung, weil ich mich schwer tue mit Bürokratie und Paragraphen. Die Gründung beim IFJ war aber selbst für mich kinderleicht. Ein Online-Formular ausfüllen, ein paar Formulare unterzeichnet retournieren, ein Konto einrichten, das wars.»
«Letzte Frage - in welchen Moment fehlten bisher auch Dir die Worte?»
Mathias Morgenthaler: «Bei der Geburt meiner Tochter und nach Roger Federers siebtem Sieg in Wimbledon.»
über Mathias Morgenthaler
Der 1975 in Bern geborene Mathias Morgenthaler hat Germanistik studiert. Seit 1997 ist er für den «Bund» tätig. Seit 1998 veröffentlicht er Interviews zu Arbeits- und Laufbahnfragen. Seit 2002 ist er Wirtschaftsredaktor. Ergänzend ist er freiberuflich als Texter, Autor und Journalist (u. a. für die «Zeit») tätig. Er ist Vater einer Tochter.
(th/IFJ)
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