Jérôme Kerviel - Der Fünf-Milliarden-Euro-Mann
publiziert: Samstag, 26. Jan 2008 / 10:00 Uhr / aktualisiert: Samstag, 26. Jan 2008 / 16:18 Uhr

Paris - Er war ein einfacher Händler bei einer französischen Grossbank. Am Freitag stand sein Bild auf den Titelseiten der Zeitungen rund um den Globus.

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Jérôme Kerviel soll durch einen nie dagewesenen Betrug der französischen Bank Société Générale einen Verlust von fast 5 Mrd. Euro beschert haben. Einige machen den 31-Jährigen sogar dafür mitverantwortlich, dass die Finanzmärkte Anfang der Woche in die Knie gingen und die US-Notenbank Fed die Zinsen senken musste.

Kerviel war seit dem Jahr 2000 bei der Société Générale. Seit 2005 war er dort als Händler im Pariser Geschäftsviertel La Défense tätig, aber er war ein kleiner Fisch. Gerade 100'000 Euro verdiente er im Jahr, während Kollegen durch grosszügige Prämien für gelungene Geschäfte Millionen absahnten.

Mitarbeiter der Bank beschreiben Kerviel, der manche vom Aussehen her an Tom Cruise erinnert, als zurückhaltend, eher in sich gekehrt - ein Kontrast zu dem oft aufschneiderischen Gehabe der «Golden Boys» in der Finanzbranche.

Über Sicherheit Bescheid gewusst

Dass Kerviel so genau über die Sicherheitsmechanismen bei der Société Générale Bescheid wusste, liegt daran, dass er vor sieben Jahren just in der Abteilung anfing, die für interne Kontrollen zuständig ist. Im so genannten Middle Office habe er tiefe Einsicht in die Sicherungssysteme der Bank erhalten, sagte Bank-Vize Philippe Citerne.

Die Direktorin von Kerviels ehemaliger Schule für Finanzfachleute an der Universität Lyon, Valérie Buthion, bringt es auf den Punkt: «Jedem Menschen, dem sie die Kontrollmechanismen beibringen, bringen Sie auch die Möglichkeiten bei, diese zu umgehen.»

Das tat Kerviel, der die Ausbildung etwas besser als der Durchschnitt beendete, zunächst in relativ überschaubarem Masse. Er schloss ohne Erlaubnis Wetten auf das Steigen oder das Fallen von Aktienindizes ab - und verschleierte laut Bank diese Positionen durch «extrem ausgefeilte und wechselnde Techniken».

Milliardenschweres Konstrukt

Anfang Januar soll Kerviel dann aufs Ganze gegangen sein und ein Finanzkonstrukt aufgebaut haben, das manche auf 50 bis 73 Mrd. Euro schätzen. Als die Bank dies merkte, verkaufte sie Kerviels Positionen ab Montag mitten in die Börsenkrise hinein auf einen Schlag. Am Ende blieb ihr ein Verlust von 4,9 Mrd. Euro.

Über Kerviels Motive, der laut Nachbarn unauffällig in einer kleinen Wohnung im Pariser Vorort Neuilly lebte, kann nur spekuliert werden. Der Société Générale zufolge versuchte er nicht, sich persönlich zu bereichern.

Wollte Kerviel seinen erfolgreicheren Kollegen und sich selbst beweisen, dass er es drauf hat und alle mit einem Milliardengewinn überraschen? Oder war es eine Art Amoklauf, mit der er seiner mässig erfolgreichen Karriere mutwillig ein Ende setzen wollte?

Die Société Générale beharrt jedenfalls auf ihrer These von einem Einzeltäter, auch wenn sie mehrere von Kerviels Vorgesetzten entliess. Merkwürdigerweise behauptet die Bank gleichzeitig, dass Kerviel offenbar immer wusste, wann es Kontrollen gab.

(bert/sda)

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