«Es geht darum, einen Mittelweg zu finden»
Hat man als Psychopath mehr Erfolg?
publiziert: Dienstag, 3. Jun 2014 / 15:10 Uhr / aktualisiert: Dienstag, 3. Jun 2014 / 16:52 Uhr

Bestseller-Autor und Ex-Soldat Andy McNab versucht, mich davon zu überzeugen, dass es gut fürs Geschäft ist, wenn man ein Psychopath ist.

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«Firmenchefs oder Politiker sollten keine Empathie empfinden», so McNab. «Stattdessen sollen sie sich auf ihre Ziele konzentrieren und die bestmögliche Entscheidung treffen.» «Sie sollen skrupellos sein», unterstreicht der Exsoldat so leidenschaftlich, dass es seine Behauptung, «keine Gefühle zu haben» fast Lügen straft.

So viel das Timbre von McNabs Stimme auch verraten mag, so unergründlich ist sein Gesicht in dem abgedunkelten Kellerraum, der für unser Interview ausgewählt wurde. Seine wahre Identität bleibt geheim, da er als Mitglied der britischen Spezialeinheit SAS früher an Anti-Terror-Operationen beteiligt war.

McNab ist auch nicht sein echter Name, sondern ein Pseudonym, das er sich 1993 für sein Buch «Die Männer von Bravo Two Zero» zugelegt hat und in dem er von seiner Zeit als Soldat während des Golfkriegs im Irak berichtet.

Das Trauma scheint ein immer wiederkehrendes Motiv in McNabs Leben zu sein, was auch die Fähigkeit dieses Mannes erklären mag, die eigenen Emotionen so perfekt zu beherrschen. Nachdem er als Baby in einer Tragetasche von Harrods auf der Türschwelle eines Londoner Krankenhauses abgelegt worden war, folgte eine nicht allzu rosige Kindheit und Jugend. Immer wieder wurde der junge Andy straffällig und war sogar mehrmals in der Jugendstrafanstalt, bevor er schliesslich einen passenden Platz für sich in der Gesellschaft fand - in der Disziplin des Militärs, dem er mit 19 Jahren beitrat.

Obwohl er erst vor vier Jahren offiziell die Diagnose erhielt, eine schwere dissoziale Persönlichkeitsstörung zu haben, sagt McNab, dass er schon immer wusste, anders als die anderen zu sein.

«Die Kinder in den Wohngebieten klüngeln sich ja normalerweise in Gruppen zusammen», erzählt er. «Als sie damit begannen, zu rauchen und zu trinken, hat mich das überhaupt nicht interessiert. Mir war das immer alles recht gleichgültig.»

Menschen töten ohne Reue

Als Berufssoldat, so berichtet McNab, hat er in seinem ersten Dienstjahr einen Menschen getötet und war überrascht, keinerlei Reue zu empfinden. Andy McNab: «In meinem Berufsfeld war es von Vorteil, ein Psychopath zu sein. Im Gefecht ist es so: In neun von zehn Fällen versuchen die anderen, dir das Gleiche anzutun. Also stehst du dir selbst gegenüber in der Verantwortung, am Leben zu bleiben ... Und diese Verantwortung trägst du auch für die anderen in der Truppe».

Doch was genau ist eigentlich eine Psychopathie? Und ist die Störung ein Hindernis oder kann sie sogar von Vorteil sein? Von Charles Manson bis Ted Bundy - die Annalen der Kriminalgeschichte sind voller Beispiele mit Tätern, die man traditionelle oder dysfunktionale Psychopathen nennen könnte - Leute, die in der Lage sind, die abscheulichsten Verbrechen zu begehen und keinerlei Gefühle haben und damit auch nicht die Fähigkeit, eine tiefergehende Beziehung einzugehen.

In der Wissenschaft setzt sich aufgrund ausführlicher Forschungsarbeiten mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass durchaus viele Menschen weniger extreme psychopathische Charakterzüge aufweisen, die - sofern sie korrekt eingesetzt werden - laut McNab zu einer Geheimwaffe werden können.

«Denken wir an Psychopathen, erscheint vor unserem geistigen Auge immer gleich der Hannibal-Lecter- oder Norman-Bates-Typ. Doch das Spektrum ist viel grösser.» «Konzentration und Fokussierung sind der Schlüssel. Wie sich herausgestellt hat, war es bei meiner Berufswahl nur von Vorteil, eine Psychopathie zu haben.»

Heute gehören die Granaten und Waffen jedoch längst der Vergangenheit an

McNab spart sich seine Kampfansprache für die Vorstandsetagen, wenn er Top-Managern beibringt, wie sie bessere Chefs werden können. Er selbst sitzt bei fünf Unternehmen im Vorstand und hat eben ein neues Buch herausgebracht, mit dem Titel «The Good Psychopath's Guide to Success».

«Bei einer Vorstandssitzung geht es im Grunde zu wie im Lagezentrum», resümiert McNab. «In neun von zehn Fällen sind die Entscheidungsprozesse identisch. Ich sage ihnen: Seid nicht empathisch. Konzentriert euch auf das, was ihr tun müsst. Das Wichtigste ist die Aufgabe. Fragt euch immer: Was muss ich erreichen?»

Und «Empathie», so schlussfolgert McNab, «hilft einem nicht, dorthin zu kommen.» So hart McNabs Botschaft auch klingen mag - neu ist seine Doktrin nicht.

Schon 2011 findet sich in Jon Ronsons Buch «Die Psychopathen sind unter uns: Eine Reise zu den Schaltstellen der Macht» die Schätzung, dass sich unter Firmenchefs viermal mehr Psychopathen befinden als in der Gesellschaft insgesamt. In einem Interview mit dem Forbes Magazine sagte der Journalist, dass man wohl deshalb so viele Psychopathen in der Geschäftswelt findet, weil der Kapitalismus ihre spezifischen Verhaltensweisen belohnt.

Der Psychopath, so erzählt Ronson weiter, «wird bejubelt und in die Führungsetage befördert. Je skrupelloser sein Führungsstil ist, desto höher klettert der Aktienkurs.» Und nichts beflügelt den Preis einer Aktie mehr als die Nachricht von Kosteneinsparungen.

Was mich zu folgender Frage bringt: Wie feuert ein Psychopath jemanden?

McNab wird anscheinend oft von Unternehmen gerufen, wenn eine Führungsperson bei der Navigation auf diesem Minenfeld Hilfe braucht.

«Eine Frau, mit der ich gesprochen habe, sollte 400 Leute entlassen. Sie hatte Mitgefühl mit den Menschen, ihren Familien, ihren Hypotheken. Für sie war es eine starke emotionale Belastung. Es ging darum, sich mit ihr hinzusetzen und zu versuchen, einen anderen Blickwinkel zu gewinnen.» Ist McNab also der Meinung, dass der freie Markt das Stigma aus dem Wort «Psycho» entfernt hat, und das zum Nachteil der gesamten Gesellschaft? «Wenn wir uns den Kapitalismus genau anschauen, sehen wir Folgendes: Diejenigen, die nach oben kommen, haben tendenziell einen Hang zur Psychopathie. Das soll keinesfalls bedeuten, dass sie alle wie Gordon Gekko sind. Wirklich nicht.»

McNab erzählt, dass etwa zwei Millionen Menschen auf seiner Website den Test gemacht haben, ob sie ein Psychopath sind; zahlreiche Firmenbosse hätten bereits sein neues Buch gekauft. Doch McNab beharrt darauf, dass er nicht vorhabe, alle Firmenchefs zu dieser spezifischen Sicht der Dinge bekehren zu wollen.

«Wir möchten nicht jeden in einen Psychopathen verwandeln. Das wäre absolut kontraproduktiv.» «Vielmehr versuchen wir, den Leuten zu helfen, einen klaren Kopf zu wahren und zu verstehen, wie ihre Marke funktioniert, wie ihr Gehirn funktioniert, sodass sie am Ende produktiver sind.»

Um seine Strategie zusammenzufassen, führt McNab ein Wort an, das selten im Kontext mit Psychopathen verwendet wird.

«Es geht darum, einen Mittelweg zu finden.»

Über Nina dos Santos:
Nina Dos Santos ist Wirtschaftsmoderatorin von CNN International. Sie moderiert die Wirtschaftssendung «The Business View», die wochentäglich um 12.00 Uhr auf CNN International ausgestrahlt wird.

 

(Nina dos Santos, CNN International/CNN-Today)

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