St. Gallen – In Bezug auf Sozialstandards gehört der Computerkonzern Hewlett-Packard nicht zu den «Bad Guys», wie auch Nichtregierungsorganisationen einräumen. «Faire Computer» sind indes noch keine in Sicht.

Bonnie Nixon Gardiner: Ich denke, das Gegenteil ist der Fall. Die Computerindustrie ist weiter, weil wir unter anderem von der Kleiderindustrie gelernt haben. Diese hat viele verschiedene Labels. Das ist für Produzenten und Kunden verwirrend. Es ist sinnvoll, alle diese Initiativen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen.
Das haben wir in der Computerindustrie gemacht: Mit dem Electronic Industry Code of Conduct haben wir einen Verhaltenskodex, der von Herstellern und Zulieferern unterstützt wird und sehr breit zur Anwendung kommt. Deshalb kann ein Zulieferer in Indien oder China fünf verschiedene Abnehmer beliefern, die alle Vorgaben auf der Basis dieses Verhaltenskodex machen. Das ist für die Zulieferer wesentlich einfacher und transparenter.
Beat Welte: HP konnte dieses Jahr die Ausschreibung für PC und Notebooks bei der Schweizerischen Bundesverwaltung gewinnen. Dabei war auch die vorbildliche Haltung von HP hinsichtlich fairer und ökologischer Produktion ausschlaggebend.
Für einen Konsumenten sind aber keine Labels für fair oder ökologisch produzierte Computer erkennbar.
Nixon Gardiner: Ich befürworte Labels und es gibt gute Beispiele. Es nützt aber nichts, wenn ein Computer 40 Labels trägt – das verwirrt die Konsumenten eher. Ein schlechtes Beispiel sind die unterschiedlichen Recycling-Normen in den US-Bundesstaaten. Wünschbar wäre es, wenn die Staatengemeinschaft einheitliche Labels schaffen würde.
Die Schweizerischen Hilfswerke haben auch dieses Jahr wieder einen Bericht über die Computerindustrie veröffentlicht.
Nixon Gardiner: Wir tun, was wir sagen, lassen uns daran messen und sind überzeugt davon, dass wir grosse Fortschritte erzielt haben. Ich glaube, dass würden NGOs bestätigen. Ich bin jährlich mit 5-6 verschiedenen Berichten von NGOs konfrontiert und wir begrüssen solche Untersuchungen. In den Berichten wird auch anerkannt, dass wir chinesische NGO-Mitarbeiter in unsere Fabriken lassen. Das sind Leute, welche die Situation wirklich verstehen und die Arbeiter repräsentieren und wissen, wie man mit ihnen diskutiert.
Die Hilfswerke bemängeln, das Arbeitende in Fabriken nach wie vor teilweise giftigen Stoffen ausgesetzt sind. Wie beurteilen Sie das Problem?
Welte: Was den Kontakt mit den giftigen Stoffen anbelangt: Wir haben hier sehr strenge Richtlinien, und bei Audits wird sehr darauf geachtet, dass die Mitarbeitenden unserer Zulieferer in dieser Beziehung bestmöglich geschützt sind.
Der Code of Conduct ist nicht verpflichtend oder nur vage formuliert, etwa dass die Wochenarbeitszeit nicht mehr als 60 Stunden betragen sollte.
Nixon Gardiner: Die Prinzipien des Electronic Code of Conduct entsprechen dem Umweltzertifikat ISO 14'000 respektive dem Prinzipien der Internationalen Arbeitsorganisation ILO. Für viele Unternehmen gilt eine Wochenarbeitszeit von 48 Stunden plus eine Überzeit von 12 Stunden. Das verlangen wir von unseren Zulieferern und versuchen es auch bei deren Zulieferern zu erreichen. Auf diesem Gebiet bestehen grosse Herausforderungen, für alle Sektoren.
Es ist problematisch, dass Leute in einer sich entwickelnden Wirtschaft manchmal 80 Stunden oder sogar bis 100 Stunden pro Woche arbeiten. Wenn wir den Zulieferern sagen, dass sei unakzeptabel, wird uns gesagt, dass die jungen Leute aus der Provinz dies wollen und dass sie es zwei Jahre machen, um mehr Geld nach Hause schicken zu können. Wir haben Fälle erlebt, wo Arbeiter sich eine andere Fabrik gesucht haben, wo sie 80 Stunden arbeiten konnten. Wir versuchen den Zulieferern jedoch klar zu machen, dass Überzeit auch entsprechend entlohnt werden muss.
Welche Mehrkosten würden Ihnen bei einer vollen Anwendung der ILO-Prinzipien anfallen? Wie hoch sollte die Arbeitszeit Ihrer Meinung nach sein?
Nixon Gardiner: Wir sind der Ansicht, dass eine Arbeitszeit von 60 Stunden unter gewissen Umständen in Spitzenzeiten und bei Freiwilligkeit der Arbeitenden überschritten werden kann. Nur muss man klar sehen: Das bringt auch Nachteile. Wenn die Beschäftigten müde sind, sinken Qualität und Produktivität und die Unfallgefahr erhöht sich.
Besitzen Ihre Beschäftigen überall einen Arbeitsvertrag?
Nixon Gardiner: Es sind in den meisten Fällen nicht «unsere» Beschäftigten, sondern diejenigen unserer Zulieferer. In den meisten Ländern haben die Arbeiter einen Arbeitsvertrag mit dem Zulieferer oder sie sind durch eine Arbeitsagentur angestellt. In China ist seit 1.1.2008 ein Gesetz in Kraft, welches Arbeitsverträge für alle Mitarbeitenden für obligatorisch erklärt.
Hat dieses Gesetz finanzielle Auswirkungen für HP?
Nixon Gardiner: Es hat natürlich Auswirkungen. Die Arbeitskosten steigen, dabei geht es aber vor allem um administrative Kosten und Sozialabgaben. Ein Computer wird dadurch aber nicht wesentlich teurer – denn die Arbeitskosten machen nur einen sehr geringen Anteil an den Gesamtkosten aus. Die Komponenten fallen wesentlich mehr ins Gewicht.
Es ist also kein Grund, China zu verlassen?
Nixon Gardiner: Nein, auf keinen Fall. China ist für uns ein sehr grosser Absatzmarkt. Wir bauen unsere Produktion aus diesem Grund momentan auch in Indien, Russland und Brasilien auf. Wenn man in einen Markt eintreten möchte, muss man dort auch präsent sein. Wir sind nicht in China wegen der billigen Produktion, sondern wegen dem 1.5-Milliarden-Markt. Und dieser wird weiter wachsen.
Sind Medien im Allgemeinen zu kritisch gegenüber HP?
Nixon Gardiner: Ich denke, die Medien berichten meist fair über unsere Erfolge und Herausforderungen speziell in Bezug auf unseren Ausweis auf diesem Gebiet. Es ist unmöglich, jede Fabrik zu überwachen. Das ist auch nicht unser Ansatz. Aber wir trainieren und kontrollieren unsere Zulieferer. Ein Problem ist manchmal das Zitieren mit Ratings oder Ranglisten von Unternehmen, wo die Messmethoden zum Teil unkonsistent sind. Das verunsichert die Verbraucher.
Besitzt HP ein Treibhausgas-Reduktionsziel?
Nixon Gardiner: HP wird den Energieverbrauch im Jahr 2010 mindestens 25 Prozent unter demjenigen von 2005 gesenkt haben – das ist eines der wichtigsten ökologischen Ziele unseres Unternehmens. In meinem Bereich versuchen wir, in der Zulieferungskette Verbesserungen zu erreichen.
Ist es ein freiwilliges Ziel oder werden Sie von den Behörden unterstützt oder motiviert?
Nixon Gardiner: Wir tun das aus eigener Überzeugung.
HP hat mit dem Mini-Note-PC 2133 auf den eee-PC von ASUS reagiert: Ist das nur ein vorübergehender Trend oder werden Computer wie Handys und andere Gadgets zu Wegwerfprodukten? Ist es Ihre Absicht, das Billigsegment auszubauen?
Nixon Gardiner: Insbesondere jüngere Kunden, aber auch Schulen verlangen solche Produkte. Wir sind im Geschäft, um unsere Produkte zu verkaufen, wollen dies aber auf eine verantwortungsvolle Weise tun. Eine Bedingung dafür ist ein Design, das ein gutes Recycling und die Verwendung von gut umweltverträglichen Materialien ermöglicht. Das zweite ist die Verminderung des Energieverbrauchs. Die Produkte werden zudem immer kleiner. Wir versuchen, noch mehr Stoffe aus unseren Computern zurückzugewinnen und haben in allen Ländern Recycling-Center.
Warum setzen sich die Drucker-Hersteller gegen das Auffüllen durch Drittanbieter zur Wehr: Wäre eine Zusammenarbeit ökologisch nicht sinnvoller?
Nixon Gardiner: Es geht um die Druckqualität, die darunter leiden könnte. Wir stehen in einer Konkurrenzsituation und der Kampf dürfte sich fortsetzen. Dies ist für uns ein wichtiger Markt.
Wird es künftig vermehrte Kooperationen mit anderen Anbietern geben?
Nixon Gardiner: Ich sehe solche Anzeichen.
Bonnie Nixon Gardiner ist Global Program Manager der Supply Chain von Hewlett-Packard und zuständig für Social und Environmental Responsability und arbeitet in Palo Alto, Kalifornien. Beat Welte ist Head of Public Affairs von Hewlett-Packard Schweiz und arbeitet in Dübendorf. Die beiden HP-Vertreter nahmen am St. Gallen Symposium teil. Einige Fragen wurden nachträglich gestellt.
(Harald Tappeiner und Adeo Bertozzi/news.ch)
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