Allianz zwischen Europa und den USA
Freihandelsabkommen: Der Schlüssel zur Verbesserung der Beziehungen
publiziert: Donnerstag, 27. Mrz 2014 / 10:44 Uhr
EU-Handelskommissar Karel De Gucht: «Jedes lohnenswerte Handelsabkommen muss 'ambitioniert' sein.»
EU-Handelskommissar Karel De Gucht: «Jedes lohnenswerte Handelsabkommen muss 'ambitioniert' sein.»

US-Präsident Barack Obama hat diese Woche zum ersten Mal seine Kollegen in Brüssel besucht. Wieso er sich diese Reise bis zu seiner zweiten Amtszeit aufgespart hat, stellt viele Politiker in den Hallen der EU vor ein Rätsel.

4 Meldungen im Zusammenhang
Man braucht es gar nicht zu leugnen: Der Fakt zeichnet ein ernüchterndes Bild der aktuell bestehenden transatlantischen Beziehungen - obgleich Russlands aggressive Politik im Osten zeigt, wie sehr ein starkes politisches Gegengewicht vonnöten wäre.

Die Allianz zwischen Europa und den USA, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstand, war lange eine wichtige Antriebskraft für Frieden und Wohlstand auf der ganzen Welt. Gemeinsam überwand man den Kalten Krieg und kämpfte für gemeinsame Werte. Doch nachdem jüngst bekannt wurde, dass Amerika seine Freunde ausspioniert hat und Europa als Konsequenz dem alten Partner grollt, ist es höchste Zeit, alte Bande neu zu knüpfen, damit beide Seiten zur nächsten Stufe übergehen können.

Wie in einer Ehe, in der die Kinder schon lange aus dem Haus sind, haben sich Europa und Amerika auseinandergelebt.

Während die europäischen Länder enger zusammengerückt sind und ihre wirtschaftliche Macht in einer Freihandelszone sowie einer politischen Union gebündelt haben, hat sich Washington in eine neue Ära der Isolation manövriert.

Nun beäugen sich beide Seiten misstrauisch

Jüngere, aufstrebende Volkswirtschaften haben die einstigen Freunde in Versuchung geführt, und wenngleich es noch nicht an der Zeit ist, die Scheidungsanwälte herbeizurufen: Ein Realitätstest ist längst überfällig. Was wäre also eine bessere Entschuldigung für die nötige Bestandsaufnahme als eine vergleichsweise neue Initiative, die «Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft» (kurz THIP) - das grösste Freihandelsabkommen in der Geschichte und gleichzeitig Eckpfeiler eines neuen wirtschaftlichen Zeitalters. Machen wir uns nichts vor: Handel ist nicht gerade ein Thema, das besonders sexy ist. Doch würden sich die Politiker zurücknehmen und das liebe Geld in den Vordergrund rücken, würden die Bürger sicher auch aufmerksamer zuhören.

700 Millionen mögliche Kunden

Und in ein paar Jahren werden die Vor- und Nachteile der zunehmenden Globalisierung erneut ganz oben auf der politischen Agenda stehen - ganz gleich, welcher Weg bis dahin eingeschlagen wird. Das Handelsabkommen ist ein ambitioniertes Projekt. Vielleicht ein bisschen zu ambitioniert, wenn man bedenkt, dass in dieser Region ein freier Markt mit 700 Millionen möglichen Kunden geschaffen werden soll. Ein Schritt, der nach Einschätzung von Experten beiden Wirtschaftsräumen bis zum Jahr 2027 circa ein halbes Prozent mehr Wachstum bescheren könnte.

Doch jedes Abkommen dieser Art bedarf endloser Verhandlungen und Gesprächen mit Vertretern riesiger Industriezweige, ungezählter Stunden auf Interkontinentalflüge und langer Diskussionen über Richtlinien zu Gesundheit, Sicherheit und Agrarhandel - zusätzlich zu einer Vielzahl anderer Themen. Eurokraten werden zutiefst enttäuscht sein, sollte Barack Obama bei seiner Rede dieses Thema nicht eingehend behandeln.

EU-Handelskommissar Karel De Gucht erzählte mir bei einer Veranstaltung, die von der amerikanischen Stiftung «German Marshall Fund» organisiert wurde, dass jedes lohnenswerte Handelsabkommen «ambitioniert» sein müsse.

Zahlreiche gescheiterte Verhandlungen der WTO haben uns jedoch gezeigt, dass es nichts bringt, zu viele Themen gleichzeitig auf den Tisch zu bringen, da dabei oft genug gar nichts herausspringt. Damit das Freihandelsabkommen eines Tages zustande kommt, müssen drei Punkte erfüllt sein: Zum einen muss es den Politikern der betroffenen Länder gelingen, ihren Bürgern die Idee schmackhaft zu machen und sie von den wirtschaftlichen Vorteilen überzeugen.

Zusätzliches Wirtschaftswachstum in Höhe von 214 Milliarden Euro

Nach Hochrechnungen der Europäischen Kommission könnte eine transatlantische Freihandelszone beiden Seiten ein zusätzliches Wirtschaftswachstum in Höhe von 214 Milliarden Euro bescheren. Zweitens könnte das Abkommen beiden Seiten die Chance bieten, endlich überflüssige Bürokratie abzubauen, existierende Regeln und Vorschriften zu harmonisieren und ein neues Rahmenwerk zu schaffen, das es leichter machen wird, gemeinsame Rechtsvorschriften zu formulieren.

Einen entscheidenden Unterschied könnte das Handelsabkommen beim Thema Investitionen machen. Die Wirtschaftsräume verzeichnen momentan Geldströme in Höhe von 4 Billionen Dollar und stützen 7 Millionen Arbeitsplätze. Sollte die Freihandelszone den Wirtschaftsführern zuversichtlich vermitteln, dass man sich nun in einem besseren, weniger bürokratischen Handelsklima befinde, könnten sich diese Zahlen schnell vergrössern.

So zumindest die Theorie, doch wie steht es mit der Praxis?

Subventionen abzuschaffen sowie andere nichttarifäre Handelshemmnisse und Zollschranken abzubauen, ist recht unpopulär - vor allem in Branchen wie der Chemie- oder der Automobilindustrie, die an jeder Ecke einen ihrer hervorragenden Lobbyisten postiert haben. Um effektiv zu sein, muss jede Neuregelung auch bislang unbekannte, komplexe und immaterielle Güter wie beispielsweise Daten umfassen und zugleich Europas Suche nach neuen Energielieferanten mit Amerikas Wunsch, den Ölüberschuss im Land für sich selbst zu beanspruchen, miteinander vereinbaren. Die ersten Schritte in puncto Freihandelszone werden wohl erst nach den US-Kongresswahlen im November eingeleitet. Selbst dann wird es schwer genug sein, das Konzept einem zunehmend protektionistisch eingestellten Kongress zu verkaufen. Und in Europa steht Ende Mai die Wahl zum Europäischen Parlament bevor, was den Ablauf zusätzlich verzögern wird. Sollte diese gewinnbringende Partnerschaft ausgerechnet jetzt - während andere Abkommen in einer Sackgasse stecken - nicht geschlossen werden, wären die Opportunitätskosten für die einflussreichste Allianz der Welt extrem hoch.

Die transatlantischen Beziehungen brauchen eine neue Bestimmung

Obwohl die zwei nicht gerade ihre diamantene Hochzeit feiern, ist es an der Zeit, die alten Versprechen zu erneuern und darüber nachzudenken, zusätzlich etwas in den Rentenfond einzuzahlen. Und wo sollte man da besser anfangen als beim Handel.

Über Nina dos Santos:
Nina Dos Santos moderiert die tägliche Wirtschaftssendung World Business Today auf CNN International. Für den Nachrichtensender hat sie bereits aus Brüssel, Paris und Rom über die EU-Schuldenkrise berichtet und führende Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft interviewt, darunter IWF-Chefin Christine Lagarde, die Premierminister von Schweden, der Tschechischen Republik und Luxemburg sowie José Manuel Barroso, den Präsidenten der EU-Kommission.

(Nina dos Santos, CNN International/CNN-Today)

?
Facebook
SMS
SMS
0
Forum
Kommentieren Sie jetzt diese wirtschaft.ch - Meldung.
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Bundesrat Schneider-Amman feiert das Inkrafttreten des FHK Schweiz-China: Abkommen, die sich vor politische Grundrechte stellen.
Dschungelbuch Die Schweizerische Volkspartei ... mehr lesen
Bern - Das Freihandelsabkommen ... mehr lesen
Der Ständerat stimmte dem Geschäft mit 25 zu 3 Stimmen bei 11 Enthaltungen zu.(Archivbild)
Die Textilindustrie ist mit 87 Prozent wegen des Freihandelsabkommens mit der EU zollbefreit.(Symbolbild)
Zürich - Dank des Freihandelsabkommens mit der EU können Schweizer Firmen über eine Milliarde Franken an Zöllen sparen. Dies besagt eine Erhebung des vom Bund unterstützten ... mehr lesen
Unterkühlte Diskussionen um den Ölpreis im kalten Davos.
Unterkühlte Diskussionen um den Ölpreis im kalten Davos.
Widersprüchliche Aussagen  Wenn die sogenannten Mächtigen und Grossen diese Woche im Rahmen des Weltwirtschaftsforums im schweizerischen Alpenresort Davos anreisen, werden sie die widersprüchlichen Aussagen von den Mitgliedern der OPEC noch im Ohr haben. mehr lesen 
Die vierte industrielle Revolution?  Als wäre die dritte Januarwoche nicht schon deprimierend genug, müssen wir uns für das Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos nun wieder einmal in die verschneiten Bündner Alpen zurückziehen. mehr lesen  
Weltweite Konjunkturaussichten  Es ist nicht leicht, den wirtschaftlichen Status quo zu beschreiben. Das Adjektiv katatonisch schiesst am Ziel vorbei, nachdem Experten bei der ... mehr lesen  
CNN Korrespondent John Defterios ist Experte für Wachstumsmärkte mit Sitz in Abu Dhabi.
 
News
         
Coworking in Solothurn
Startup News Von Adriana Gubler, Wirtschaftsförderung Kanton Solothurn  Die Forschungs- und Hochschulstandorte sind die grossen Start-up-Motoren der Schweiz. Aber auch im Kanton Solothurn entwickelt sich eine vielfältige ... mehr lesen
Nahaufnahme eines Lochblechs
Publinews Lochblech - was ist das überhaupt?  Lochblech findet inzwischen in vielen verschiedenen Bereichen Einsatz: in der Industrie, in der Architektur und sogar beim Kfz-Tuning. ... mehr lesen
Eine Schutzhaube sorgt dafür, dass nicht versehentlich Haare ins Essen fallen.
Publinews Schutzkleidung - ein absolutes Muss  Berufsbekleidung bedeutet so viel. In bestimmten Berufszweigen dient sie als Erkennungsmerkmal, das auf Tradition begründet ... mehr lesen
Publinews Interview  Als der Unternehmer Peter Baumann die pebe AG gründete, war ein Magnetstreifen auf einem Kontoblatt noch etwas Modernes. Heute beschäftigt uns ... mehr lesen
Das rege Messegeschehen aus der Vogelperspektive.
Publinews SOM & Swiss eBusiness Expo  Am 5. und 6. April trifft sich die Online-Branche in Zürich. Rund 80 Programmpunkte werden eindrucksvoll beweisen, ... mehr lesen
Was sind die Hausaufgaben für Schweizer Unternehmen bei der Digitalisierung?
Publinews Swiss Online Marketing & Swiss eBusiness Expo  Google, Post, Handel Schweiz, VSV, GS1: Am Mittwoch, den 5. April diskutieren Big Player und Marktexperten über das «Schreckgespenst Digitalisierung - ... mehr lesen
saleduck.ch, Luc van der Blij
Publinews Ziel: die teure Schweiz günstiger machen!  Das Affiliate Marketing ist heute ein nicht mehr wegzudenkender Teil eines jeden erfolgreichen e-Commerce Unternehmens. ... mehr lesen
Die Garage wird inzwischen auch gerne als Hobbywerkstatt genutzt.
Publinews Unglaublich, aber wahr: Die Entwicklung macht selbst vor Garagen und Torantrieben keinen Halt. Wer sich früher aufgrund eines geringen Budgets noch mit ... mehr lesen
Das Leben ist gut - auch mit Velo?
Publinews Verträumt und sinnlich verklärend mag da der eine oder andere (vermutlich) ältere Zeitgenosse in den notorisch beschworenen «guten alten Zeiten» schwelgen, als ein Velo noch ... mehr lesen
Eine Hütte in den Schweizer Bergen - doch bis man sie erst einmal gefunden hat...
Publinews Pauschalreisen, klassische Hotelzimmer mit Zimmerservice, Essenspaketen und Getränke inklusive à Pauschalreisen, klassische ... mehr lesen
Stellenmarkt.ch
Wirtschaft Marken
   Marke    Datum
PANERAI Logo
21.11.2017
Arosa BÄREN Logo
21.11.2017
21.11.2017
LEBEN kluge entscheidungen, besseres leben. Logo
20.11.2017
20.11.2017
    Information zum Feld
Bitte geben Sie hier einen Markennamen ein wie z.B. 'Nespresso'
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute Do Fr
Zürich 0°C 12°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig freundlich
Basel 3°C 14°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig freundlich Wolkenfelder, kaum Regen
St. Gallen 11°C 11°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig freundlich
Bern -1°C 12°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig freundlich wechselnd bewölkt
Luzern 1°C 11°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig freundlich
Genf 0°C 13°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig Wolkenfelder, kaum Regen
Lugano 5°C 11°C freundlichleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wechselnd bewölkt wechselnd bewölkt
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten