Französische Winzer taumeln in schwere Krise
publiziert: Montag, 13. Dez 2004 / 08:36 Uhr / aktualisiert: Montag, 13. Dez 2004 / 09:37 Uhr

Paris - "Wir werden verteufelt", klagen französische Winzer. "Dabei sind wird doch keine Giftmischer." - Unter den 100 000 Weinbauern Frankreichs herrscht eine Krisenstimmung wie seit hundert Jahren nicht mehr.

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Nicht nur ...

Bei Massenkundgebungen in Bordeaux und Avignon haben sie dieser Tage ihrem Missmut freien Lauf gelassen. Mit aller Macht wollen die Winzer ein Gesetz von 1990 zu Fall bringen, das wegen der Millionen Alkoholiker ein fast vollständiges Werbeverbot für Wein vorsieht.

Lag der Pro-Kopf-Verbrauch in Frankreich 1960 bei 126 Litern Wein, so ist er inzwischen auf 50 Liter zurückgegangen. Die Winzer sehen sich als Dealer verunglimpft. Dazu kommt die harte Konkurrenz auf den Weltmärkten, die sie als unfair empfinden.

In die Strukturkrise

Zwar gilt Frankreich noch als Schlaraffenland des Weins, aber das Jahr 2004 könnte sich in mehrfacher Hinsicht als Katastrophe erweisen. Noch 2003 waren die Franzosen mit 45,8 Mio. Hektolitern grösster Produzent auf dem Weltmarkt und mit 15 Mio. Hektolitern auch grösster Exporteur. Doch die Italiener sind ihnen mit 43 Mio. Hektolitern Produktion und 13,3 Mio. Hektolitern Export dicht auf den Fersen, knapp gefolgt von den Spaniern.

Konkurrenz der Neuen

Darüber hinaus - und das verursacht bei den französischen Winzern dauerhafte Kopfschmerzen - verzeichnet die "Neue Wein-Welt" in den USA, Argentinien, Australien und Südafrika gigantische Zuwächse, während der Markt in Frankreich schleichend verödet.

Zwischen 1998 und 2003 sank der französische Export von 168 auf 148 Mio. Kisten à zwölf Flaschen, während die Neuen Länder einen Zuwachs von 88 auf 161 Mio. Kisten verbuchten.

Hilferuf an den Staat

Die Franzosen reagieren mit ohnmächtigem Zorn: Die Angebote der Neuen Welt stellten eine unfaire Konkurrenz da, wettern Winzer auf französischen TV-Kanälen.

Amerikaner, Australier und Südafrikaner produzierten nicht nach denselben Standards, ihre Etiketten seien nicht so "raffiniert" und genügten keinen vergleichbaren Herkunftskontrollen, wird moniert. Hilflos fordern die französischen Weinbauern, die Regierung in Paris solle einschreiten - als könnte diese die Kaufentscheide der Konsumenten weltweit beeinflussen.

"Rebstöcke ausreissen!"

Ein Artikel im "Figaro", in dem zwanzig Ideen zur Rettung des Weins aufgelistet werden, wirkt vor diesem Hintergrund erfrischend. Die Aufzählung beginnt mit einem Schocker: "Rebstöcke ausreissen!" - die Anbaugebiete müssten um 10 000 Hektar verkleinert werden.

Der zweite Vorschlag: "Das weibliche Publikum erobern!" Denn trotz des Rückgangs beim Inlandskonsum giesst sich noch heute jeder männliche Franzose pro Jahr 96 Liter Wein hinter die Binde.

Wer sich mit den Gefahren des Alkoholismus auseinandersetzt, wird da kaum eine massive Steigerung verordnen wollen. Dagegen könnten die Frauen vielleicht noch etwas mehr vertragen als ihren bisherigen Durchschnittskonsum von 29 Litern im Jahr.

Verständlichere Etiketten

Allmählich setzt sich auch die Einsicht durch, dass die Gepflogenheiten bei der Etikettierung am Gros der Kunden vorbeigehen. In den Bezeichnungen über Anbaugebiete, Jahrgänge, Rebsorten und Qualitätsstufen finden sich nur Experten zurecht. Und um den Konsum kümmert sich der "Rat der Mässigung", der soeben von Agarminister Dominique Bussereau eingesetzt wurde. "Es darf nicht nicht länger heissen, dass Wein ein Gift sei", sagt der Ratsvorsitzende Alain Suguenot. "Die Schädlichkeit des Rauchens beginnt mit der ersten Zigarette, während kleine Mengen Wein für die Gesundheit eher förderlich sind."

(Andreas Osterhaus/afp)

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